Eine heiße Nacht für den Rock’n’Roll

Rock’n’Roll Summer Special im Klement, Isen – 8. August 2026

Es gibt Abende, an denen man sich fragt, warum eigentlich nicht viel öfter solche Abende stattfinden. Events, auf denen Musiker verschiedener Generationen und mit ganz unterschiedlichen musikalischen Biografien zusammenkommen, auf denen sich Rock’n’Roll, Rockabilly und Country ganz selbstverständlich die Bühne teilen – und man irgendwann merkt, dass man gerade etwas erlebt, was weit mehr ist als eine Aneinanderreihung von Konzerten. – Das Rock’n’Roll Summer Special im Klement in Isen war so ein Abend.

Wobei „heiß“ an diesem 8. August durchaus wörtlich zu nehmen war. Nicht nur die Musik sorgte für reichlich Temperatur, auch im Saal und draußen herrschten sommerliche Bedingungen, die dem „Summer Special“ eine geradezu physische Dimension verliehen. 13 Männer und eine Frau standen im Laufe des Abends auf der Bühne. Vor allem aber standen dort Musiker, die ihre Musik nicht als museales Erinnerungsstück behandeln, sondern sie mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit in die Gegenwart holen.

Den Anfang machte Sunny Bee. Ihre wunderbare Stimme gab dem Abend einen ersten, ausgesprochen stimmigen Akzent. Begleitet wurde sie von den Croackers, jener Band, die untrennbar mit dem Namen Chris Aron verbunden ist. Seit Jahren spielen die Musiker zusammen, sind ein eingespieltes Ensemble und bilden damit gewissermaßen das musikalische Rückgrat von Arons Arbeit.

An diesem Abend allerdings wurden die Croackers zu etwas noch Interessanterem: zu einer Band, die sich ganz selbstverständlich in den Dienst verschiedener Künstler stellte und dabei nie ihren eigenen Charakter verlor. Sunny Bee war nur die erste von mehreren Stationen.

Der neue Mann mit der alten Leidenschaft

Nach der Eröffnung gehörte die Bühne Dominic Moews aus Berlin.

Er ist jung, sehr jung sogar – und trotzdem wirkt es bei ihm nicht so, als müsse er erst noch herausfinden, was er mit dieser Musik anfangen möchte. Moews hat sich in kurzer Zeit einen Namen in der deutschen Neo-Rockabilly-Szene gemacht. Bekannt wurde er durch seine Auftritte bei DSDS, inzwischen ist eine EP mit eigenen Songs erschienen. Er ist bei verschiedenen Elvis-Veranstaltungen in ganz Deutschland zu sehen, unter anderem bei der Elvis Presley Roadshow im Oktober im Deutschen Theater in München und beim Elvis Festival in Bad Nauheim. In Isen zeigte sich sehr schnell, warum er derzeit als neuer Stern am deutschen Rockabilly-Himmel gehandelt wird.

Was für eine Rampensau.

Moews braucht keine lange Anlaufzeit. Er geht auf die Bühne und ist da. Er fegt, springt, dreht sich, gestikuliert – und schafft es dabei, das Publikum innerhalb kürzester Zeit auf Betriebstemperatur zu bringen. “Stuck On You, Anyway You Want Me, Rip It Up” und “That Don’t Move Me” waren dabei nicht einfach nur Titel aus einem bekannten musikalischen Kosmos. Moews macht daraus seine eigene Angelegenheit.

Das Faszinierende ist, dass er die Musik nicht bloß nachspielt. Er nimmt die Energie und die Haltung des Rockabilly auf, übersetzt sie in seine eigene Generation und gibt sie mit einer Unmittelbarkeit zurück, die ansteckend ist. Man könnte sagen: Er belebt eine alte Leidenschaft neu, ohne sie dabei ihrer Geschichte zu berauben.

Und die Croackers? Sie begleiten ihn, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Wenn der Veranstalter selbst auf die Bühne geht

Danach übernahm Chris Aron selbst das musikalische Kommando – natürlich gemeinsam mit seinen Croackers.

Dass Aron nicht nur der Veranstalter des Abends, sondern selbst ein hervorragender Musiker ist, macht die Sache besonders reizvoll. Denn plötzlich bekommt der Mann hinter dem Abend ein Gesicht. Und vielleicht auch eine Ahnung davon, wie viel Arbeit hinter dem steckt, was das Publikum zuvor eher selbstverständlich genießen konnte.

Chris Aron ist ein Vollblutmusiker, der in den USA bereits zahlreiche große Stars begleitet hat. Mit den Croackers verbindet ihn eine jahrelange musikalische Zusammenarbeit, was man auch hört. Die Band spielt mit der Selbstverständlichkeit von Musikern, die einander zuhören und wissen, wann sie Raum geben und wann sie ihn nehmen müssen. Arons Programm bewegte sich zwischen eigenen Stücken und Coverversionen. “Mess Around, Pledging My Love” und “Maybellene” gehörten dazu. Mein persönlicher Höhepunkt aber war eindeutig “El Condor Pasa”.

Ausgerechnet dieses Stück, das viele zunächst mit Simon & Garfunkel verbinden, wirkte in Arons Interpretation überhaupt nicht wie ein Fremdkörper. Im Gegenteil: Es entstand ein Moment von besonderer Intensität, stimmig und mitreißend zugleich. Ein schönes Beispiel dafür, dass gute Musiker sich nicht von Genregrenzen beeindrucken lassen.

Country aus Forstern

Mit Jackie Cleever kam anschließend ein weiterer Musiker auf die Bühne, der schon seit vielen Jahren Teil dieser Szene ist. Cleever – Lokalmatador aus Forstern, langjähriger Freund von Chris Aron und Mitinitiator der Elvis Presley Roadshow, führte das Publikum in die Welt des Country. Auch er wurde von den Croackers begleitet.

“Route 66”, “Oh Lonesome” “Me, Jambalaya” und “Ring of Fire” schlugen dabei eine weitere Brücke innerhalb dieses musikalischen Abends. Rock’n’Roll, Rockabilly und Country liegen schließlich näher beieinander, als es auf den ersten Blick scheint. Sie teilen dieselbe Lust am Rhythmus, an Geschichten, an großen Melodien – und nicht zuletzt eine gemeinsame musikalische Herkunft.

Ray Allen und die Frage nach der Zeit

Dann war Ray Allen & Band an der Reihe. Auch hier standen Musiker auf der Bühne, die schon lange im Geschäft sind. Ihr Rock’n’Roll war weniger eruptiv als bei Dominic Moews, dafür souverän und routiniert. Eine Form von musikalischer Gelassenheit, die nicht mit Langeweile verwechselt werden sollte. Mit eigenen Songs und Coverversionen begeisterte die Band das Publikum und stellte zugleich ihr aktuelles Album “Chains” vor.

Und dann war da noch eine zweite Aufgabe: Ray Allen und seine Band sollten wenig später den Hauptact des Abends begleiten.

Marcel Riesco: Nashville zu Gast in Isen

Kurz nach 23 Uhr schließlich betrat Marcel Riesco die Bühne – begleitet von der Ray Allen Band.

Riesco, der durch seine Roy-Orbison-Cover bekannt geworden ist, hat sich längst weiterentwickelt. Er steht inzwischen mit eigenen Songs auf der Bühne und spielt damit in einer Liga, in der Rock’n’Roll nicht bloß Rückblick ist, sondern Gegenwart.

Seine Herkunft aus Nashville, Tennessee, ist dabei fast schon Programm. Und als bekennender Elvis-Fan ist auch die musikalische Richtung kein Zufall. Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, ihn lediglich in die Reihe derer einzuordnen, die die Vergangenheit bewahren. Gerade seine eigenen Songs zeigen, dass die Faszination dieser Musik noch immer funktioniert – vorausgesetzt, jemand findet die richtige Sprache dafür.

Bemerkenswert war Riesco aber auch abseits der Bühne. Vor seinem Auftritt nahm er sich ausgesprochen viel Zeit für die Besucher, sprach mit Fans, posierte für Fotos und begegnete seinem Publikum mit einer Offenheit, die bei Künstlern dieses Formats keineswegs selbstverständlich ist. Vielleicht ist genau das eine der Eigenschaften, die diese Musik am Leben halten: die Nähe.

Ein Abend, der viele Namen trägt

Und so war dieser Abend am Ende doch mehr als ein Konzert mit mehreren Acts. Er war ein Zusammenspiel.

Sunny Bee, Dominic Moews und Jackie Cleever konnten sich auf die Croackers verlassen, die seit Jahren mit Chris Aron spielen und an diesem Abend ihre Vielseitigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellten. Ray Allen & Band wiederum wurden für Marcel Riesco zur Begleitband. Sunny Bee und Chris Aron unterstützten die verschiedenen Auftritte zusätzlich als Background-Sänger – und das mit einer Qualität, die man nicht nebenbei überhören konnte.

Zwischen den einzelnen Showacts hielt DJ Lemon Squeezer die Stimmung am Laufen und sorgte dafür, dass die Pausen kaum als solche wahrgenommen wurden.

Was dabei auffiel: Es war kein Abend, an dem sich einzelne Musiker voneinander abgrenzten. Im Gegenteil. Die Bühne wurde zu einem Ort des Austausches. Musiker begleiteten Musiker. Freunde spielten mit Freunden. Erfahrene Künstler trafen auf einen jungen Musiker wie Dominic Moews, der gerade dabei ist, seine eigene Geschichte zu schreiben.

Und mittendrin stand Chris Aron.

Die Sache mit dem Eintrittspreis

Vielleicht sollte man deshalb zum Schluss über etwas sprechen, das bei Konzertberichten gerne unter den Tisch fällt: Geld.

Ein Abend wie dieser ist nicht selbstverständlich.

Schon gar nicht zu einem Eintrittspreis, der es einem breiten Publikum ermöglicht, Musiker von diesem Format live zu erleben. Hinter einem solchen Abend stecken Kontakte, Organisation, Technik, Absprachen, Risiko, Zeit – und vor allem die Bereitschaft, viel Arbeit in etwas zu investieren, dessen finanzieller Ausgang keineswegs garantiert ist.

Chris Aron hat mit diesem Summer Special nicht einfach ein Konzert veranstaltet. Er hat eine Plattform geschaffen, auf der hochkarätige Musiker gemeinsam einen Abend gestalten konnten. Und er hat damit gleichzeitig etwas getan, was für eine lebendige Musikszene unverzichtbar ist: Er hat ihr Raum gegeben.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Abend auch wirtschaftlich ein Erfolg war.

Denn wenn man möchte, dass es solche Veranstaltungen weiterhin gibt, reicht Begeisterung allein nicht. Dann muss das Publikum auch zeigen, dass es bereit ist, solche Abende zu unterstützen.

Vielleicht gibt es dann tatsächlich wieder ein Rock’n’Roll Summer Special in Isen.

Verdient hätte es der Abend allemal.

Ein herzliches Danke geht an das Team von Chris Aron, welche hinter den Vorhängen für einen reibungslosen Ablauf dieses phantastischen Abends verantwortlich zeichnet. Und natürlich an unsere Kirstin, die sich mitten ins Getümmel stürzte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert